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Female-Fintech-Boom

Die Mehrheit der Kunden von Finanzunternehmen ist männlich. Erst seit kurzem haben Banken und Fintechs Frauen als vielversprechende Zielgruppe ausgemacht. Wer kann eine glaubwürdige Female-Fintech-Boom Marke aufbauen?

In den sozialen Medien haben die Millionen junger Aktienzocker einen Spitznamen bekommen: „Robinhood Bros“. Und das hat seinen Grund, denn vor allem Männer stecken ihr Geld in Aktien und legen es am Kapitalmarkt an. In Deutschland sind ungefähr zwei Drittel der Aktienbesitzer männlich, bei vielen Finanzanbietern ist der Anteil noch einmal höher.

Die Fintech-Szene hat dies erkannt. Gleich mehrere Gründer arbeiten an neuen Startups, die sich speziell an Frauen richten. Eines davon ist Fina. Bislang ist das Startup noch verschwiegen, zu den wenigen bekannten Details gehört, dass Visionaries Club die Firma mit aus der Taufe gehoben hat. Hinter dem Wagniskapitalgeber steckt unter anderem Sebastian Pollok, der Gründer des Online-Sexshops Amorelie.

Ein Team um Léonie Rivière und Tim Oliver Pietsch wird nach Informationen die neue Firma aufbauen, die Gesellschaft „Delightful Finance GmbH“ ist bereits eingetragen. Beide haben Startup-Erfahrung, Riviere gründete in London bereits ein eigenes Unternehmen, Pietsch war Finanzmanager beim Insurtech Wefox. Den Start soll nach Gründerszene-Informationen nicht nur Visionaries Club, sondern auch Fabian Wesemann finanzieren. Der Wefox-Mitgründer sagt: „Female Fintech ist der Trend für 2021.“

Female-Fintech-Boom und klassische Rollen

Um die neuen Geschäftsideen einzuordnen, muss man verstehen, warum Frauen bislang weniger investieren. „Ein Grundproblem ist die Sozialisation – Untersuchungen zeigen, dass mit Mädchen weniger über Geld gesprochen wird“, sagt Alexandra Niessen-Ruenzi. Die Professorin forscht an der Universität Mannheim zu geschlechterspezifischen Unterschieden am Kapitalmarkt. Im traditionellen Familienbild kümmere sich der Mann um die Geldfragen, so Niessen-Ruenzi – und in der Schule gebe es keine Finanzbildung. Das führe dazu, dass „Frauen auch bei vergleichbarem Einkommen weniger anlegen, obwohl sie eine gleiche Quote sparen“. Dadurch verstärke sich die Gefahr der Altersarmut.

Gesellschaftlicher Wandel und finanzielle Gleichberechtigung

Das hat auch Natascha Wegelin angetrieben, die Finanzcommunity „Madame Moneypenny“ zu starten. Ihr ist es gelungen, mit Workshops und Büchern ein beachtliches Geschäft aufzubauen, das kleine Team erwirtschaftet mittlerweile Millionenumsätze pro Jahr. „Am Anfang haben mir alle gesagt: Was ist denn das für ein nerviges Thema? Das interessiert doch keine Sau“, erzählte sie kürzlich im OMR-Podcast. In der „Madame Moneypenny“-Facebook-Gruppe sind mittlerweile über 100.000 Mitglieder. Das Berliner Startup Finmarie ist ebenfalls dabei, eine Community aufzubauen – die Gründerin Karolina Decker hat viele Jahre in der Finanzindustrie gearbeitet, mit ihrem Fintech gibt sie Investmenttipps und bietet ein Finanzcoaching an. Das sind gelungene Beispiele für den Female-Fintech-Boom.

Das Problem hört aber bei der mangelnden Finanzbildung nicht auf. „Viele Finanzanbieter sprechen immer noch eine ältere und männliche Zielgruppe an, zum Beispiel wird als Sparziel für das Investment ein Sportwagen präsentiert – das spricht Frauen nicht an“, sagt Niessen-Ruenzi. Einige der etablierten Finanzanbieter haben allerdings ihren blinden Fleck erkannt. Unter der Marke Finanz-Heldinnen hat beispielsweise die Direktbank Comdirect eine eigene Community aufgebaut und ein Buch herausgebracht. Der Finanzplaner schaffte es bis in die Bestsellerlisten.

Die Versicherungs- und Finanzbranche muss sich wandeln

Doch kann es die gesamte Versicherung- und Finanzbranche schaffen, sich zu verändern? Niessen-Ruenzi hat Zweifel. „Ein Problem ist die Organisationskultur in den Unternehmen – wenn im Vorstand nur Männer sitzen, werden Frauen als Zielgruppe und ein anderes Marketing auch keine Priorität bekommen“, sagt die Forscherin.

Einige Fintechs glauben nicht an eine Veränderung, sie wollen neue Marken schaffen, die Frauen glaubhaft ansprechen. „Wir schauen uns europaweit verschiedene Teams und Ansätze an, die das Thema gezielt angehen wollen“, sagt Simon Schmincke vom bekannten Fintech-Investor Creandum. Es kursierten Gerüchte, dass eine der bekannten Berliner E-Commerce-Gründerinnen ein „N26 für Frauen“ aufbauen wolle. In New York gibt es mit Jefa ein Startup, das genau dies vorhat.

Female-Fintech-Boom eine Branche in der Branche

Hierzulande ist abgesehen von Fina auch ein Robo-Advisor für Frauen gestartet. Financery ist seit einigen Monaten am Markt. Die Einstiegshürde ist mit 50 Euro niedrig, zusätzlich gibt es eine persönliche Beratung. „Diese Details sind wichtig, um eine weibliche Zielgruppe abzuholen“, sagt die Gründerin Maria Mann. Typische Fragen seien, wie das Geld investiert werde – und wie nachhaltig die Anlage sei. Startkapital für Financery gab es laut Handelsregister vom Schweizer Family Office Hawak. Bislang haben die Kundinnen dort mehr als zwei Millionen Euro angelegt, im Branchenvergleich eine sehr kleine Summe. Doch die Firma wachse zurzeit schnell.

Die große Frage wird sein, wer es schafft, eine glaubwürdige Female-Fintech-Boom Marke für Frauen aufzubauen. Ob sich dies mit einem anderen Branding oder besserem Marketing erreichen lasse, analysiere Creandum zurzeit, so Schmincke. Denn beim Investieren selbst bedarf es keiner Innovation: Geldanlage am Kapitalmarkt mit einem breitgestreuten Risiko ist für beide Geschlechter sinnvoll. „Kapitalmarkttheoretisch ergibt es keinen Sinn, ein eigenes Produkt für Frauen zu entwickeln“, sagt Niessen-Ruenzi. „Einen rosafarbenen ETF aufzulegen, ist aus wissenschaftlicher Sicht Nonsens.“

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